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Grüne
Apotheke Regenwald
inka-info, Oktober
2001
Irgendwann
in vorkolumbianischen Zeiten fällte ein Sturm in dem Teil der Welt, der
heute zu Südecuador gehört, einen riesigen Baumstamm, der in einer Wasserfläche
zum Liegen kam. Dort lag er einige Zeit, während das Wasser verschiedene
Inhaltsstoffe der Rinde wie Tannine, Zucker und Alkaloide auswusch. Ein
an Malaria erkrankter Indianer kam des Weges. Er trank von dem Wasser,
um seinen Durst zu löschen. Als er am nächsten Tag erwachte geschah das
Wunder – das Fieber verschwand. Er schloss daraus, dass das bitter schmeckende
Wasser seine Krankheit geheilt hatte und verbreitete das Wissen über die
Heilwirkung der “Chinarinde” innerhalb seines Volkes.
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Unklar ist, ob diese
Legende wirklich wahr ist, aber die Menschheit hat - wenn nicht auf diese,
dann auf andere Weise - das Geheimnis des Chinarindenbaumes entdeckt.
Die Bäume wachsen natürlicher Weise in den tropischen Bergwäldern der
Anden auf einer Höhe zwischen 700 und 3000 Metern. Sie sind von Venezuela
bis Bolivien zu finden. Ihre Rinde enthält das bitter schmeckende Alkaloid
Chinin, das lange Zeit als einziges Heilmittel gegen das Malaria-Fieber
galt.
Verbreitung des
Heilmittels
Ein Jesuiten Pater brachte 1645 die Chinarinde aus den ecuadorianischen
Anden nach Rom, wo sie schnell an Bedeutung gewann. Heute gilt Malaria
als typische Tropenkrankheit. In früheren Zeiten war der Erreger aber
in ganz Europa verbreitet. Die große Nachfrage führte zu einem Exportboom
von Chinarinde aus Südamerika. Bis zum Jahr 1776 stammte alles nach Europa
exportierte Chinin aus den Bergwäldern Südecuadors, deren Reste heute
im Podocarpus Nationalpark unter Schutz gestellt sind. In der Provinz
Loja wurden jährlich etwa 25.000 Bäume für die Gewinnung der begehrten
Rinde eingeschlagen. Um sich das Monopol auf das Heilmittel zu sichern,
verhängten Ecuador, Kolumbien, Peru und Bolivien Anfang des 19. Jahrhunderts
ein Exportverbot für Samen oder lebende Exemplare. 1852 gelang es jedoch
Samen nach Java zu schmuggeln – 1930 produzierten hollän-dische Plantagen
in Java mit 22 Millionen Pfund Rinde 97 Prozent des weltweit verwendeten
Chinins. zurück
Nutzung heute
Seit etwa 40 Jahren wird Chinin als vorbeugendes Mittel gegen Malaria
synthetisch hergestellt. Der natürliche Extrakt findet jedoch weiterhin
Verwendung als bitterer Geschmacksstoff in Getränken wie Bitter Lemon
oder Wermut. Die homöopathische Medizin setzt natürlich gewonnenes Chinin
im Präparat „China“ als Mittel gegen Erschöpfung und Appetitlosigkeit
ein. Pflanzliche Wirkstoffe sind häufig Voraussetzung für die Herstellung
westlicher Medizin. Beispielsweise haben Pflanzen zur Entwicklung von
etwa 25 bis 50 Prozent aller verschreibungspflichtigen Medikamente in
den USA beigetragen. Dabei handelte es sich entweder um die Verwendung
bestimmter Inhaltsstoffe der Pflanzen, oder sie lieferten Modelle für
die Herstellung synthetischer Wirkstoffe. zurück
Heilpflanzen im
Regenwald
Obwohl tropische Regenwälder nur etwa sieben Prozent der Erdoberfläche
bedecken, beherbergen sie mehr als die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten
weltweit. Dieser Artenreichtum weckte das Interesse von Pharmaunternehmen,
die in der “grünen Apotheke Regenwald” nach neuen Medikamenten suchten.
1958 wurden zwei wertvolle Wirkstoffe aus dem Madagaskar Immergrün (Catharanthus
roseus) isoliert: Vincristin und Vinblastin als Mittel gegen Leukämieerkrankungen
und Lymph-drüsenkrebs. Die Firma Eli Lilly Pharmaceuticals machte mit
den beiden Medikamenten Gewinne von jährlich etwa 100 Millionen US-Dollar.
Weder das Land Madagaskar noch der Shamane, der die Firma auf das Heilpotential
der Pflanze aufmerksam machte, wurden am Gewinn beteiligt.
Die Suche nach
neuen Wirkstoffen
Heute beschäftigen sich nur noch wenige Pharma-Unternehmen mit der Entdeckung
von Medikamenten aus dem Regenwald. In den letzten 40 Jahren hat die US-amerikanische
Behörde für die Überwachung von Lebens- und Arzneimittel (Food and Drug
Administration, FDA) weniger als ein Dutzend Medikamente auf pflanzlicher
Basis neu zugelassen. Der Weg von der Pflanze zu einem sicheren Medikament
ist für die Hersteller häufig zu teuer. Die Entwicklung einer neuen Arznei
kann bis zu 500 Millionen US-Dollar kosten und über zehn Jahre dauern.
Die Wirksamkeit von Pflanzen hängt mit ihrem Standort und dem Sammelzeitpunkt
zusammen, Menge und Qualität der Wirkstoffe schwanken von Pflanze zu Pflanze.
Die Konvention zum Erhalt der biologischen Vielfalt, die 1992 auf der
Konferenz für Umwelt und Ent-wicklung in Rio de Janeiro verabschiedet
wurde, sprach erstmals den indigenen Völkern die geistigen Eigentumsrechte
an traditionellem Wissen über Heilpflanzen zu. Pharma-Unternehmen werden
seither verpflichtet, die geistigen Eigentümer an Gewinnen bei der Entwicklung
von Medikamenten zu beteiligen. Diese neue Rechtslage, die schwer zu kontrollierende
Qualität der Pflanzenwirkstoffe und die extrem hohen Kosten haben die
Suche nach neuen pflanzlichen Arzneimitteln eingeschränkt. zurück
Neuer
Boom Heilkräuter
Fast
zwei Drittel der Weltbevölkerung verlassen sich auf die Heilkraft der
Pflanzen, weil sie sich keine andere Medizin leisten oder beschaffen können.
Viele Pflanzen enthalten heilsame Wirkstoffe. Vor allem Shamanen und Heiler
traditionell lebender Völker haben Kenntnis von deren richtiger Verwendung.
Auch in den Industrieländern boomt derzeit der Verbrauch rezeptfreier
pflanzlicher Mittel wie Echinaceen-Extrakte zur Stärkung der Abwehrkräfte
oder Gingko-Präparate zur Durchblutungsförderung: Allein in Deutschland
wurden 1998 knapp 2,2 Milliarden Mark für Pflanzenpräparate ausgegeben,
in den USA sogar über zehn Milliarden Mark (1997) . Die US-amerikanische
Firma Shaman Pharmaceuticals, die einst versuchte, Medikamente aus dem
Regenwald auf den Markt zu bringen, verkauft nun unter dem neuen Namen
Shaman Botanicals erfolgreich pflanzliche Heilmittel: Lapacho-Tee aus
den Anden, Passionsblüten, welche bei Angst- und Spannungszuständen helfen
sollen, die Schlingpflanze “Uña de Gato” (übersetzt: Katzenkralle), die
als mögliches Mittel gegen Krebs und Aids gehandelt wird oder den in Südamerika
beliebten „Sangre de Drago“ (ein durch Einritzen aus einer bestimmten
Baumrinde gewonnener Pflanzensaft) gegen Durchfallerkrankungen. zurück
Pflanzliche Heilmittel
- wie lange noch?
WissenschaftlerInnen sind alarmiert über die fortschreitende Zerstörung
der Wälder und den Verlust des wertvollen Wissens traditionell lebender
Völker. Bei der Entwicklung unserer modernen Kultur haben Pflanzen eine
herausragende Rolle gespielt. Für die Gewährleistung einer weltweiten
medizinischen Versorgung ist die Bewahrung der biologischen Vielfalt,
insbesondere in tropischen Wäldern, besonders wichtig. Der Schutz biologischer
Vielfalt und des traditionellen Wissens sollte daher im Interesse der
Weltgemeinschaft liegen. INKA setzt sich für den Erhalt der letzten tropischen
Bergwälder im Podocarpus Nationalpark in Südecuador ein, die einst unter
anderem aufgrund der Nachfrage nach der begehrten Arznei größtenteils
gerodet wurden. zurück
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